Zahnarztangst

Der große Schritt zur Krone

Es ist wieder einmal längere Zeit vergangen seit dem letzten Bericht. Obwohl ich es mir vorgenommen habe regelmäßiger darüber zu schreiben, gerade weil einiges passiert ist. Aber irgendwie bleibt eine gewisse Schockstarre in der Pandemie erhalten. Anders kann ich es nicht nennen. Ich versuche sie zu bezwingen, aber ganz so einfach ist das nicht. Vor allem weil die vierte Welle schon da ist. Und ich bin es einfach so dermaßen leid.

Ich war mal wieder beim Zahnarzt. Zwischenzeitlich sogar öfter. Und ich hab was festgestellt: Ich habe nicht mehr am Abend vorher schon entsetzliche Angst und Bauchgrummeln, einen Knoten im Magen, schwitzige Hände.

Ich kann sogar zu dem Termin fahren, ohne das mein Kopf sich schon Fluchtmöglichkeiten überlegt oder abwägt, ob ich wirklich zum Termin gehen sollte. Erst kurz vor der Praxis werden meine Knie weich und meine Blase meldet sich vor Aufregung. Das Erste, was ich nach der Anmeldung mache, ist daher immer der Gang zur Toilette. Das lässt sich vermutlich nicht abstellen, Aber es ist viel besser geworden.

Am 19. Mai hatte ich den ersten und wichtigsten Termin absolviert um endlich wieder richtig lächeln zu können. Die Vorbereitung für meine Schneidezahnkrone.

Sehr wenige Menschen können nachvollziehen, was das für mich wirklich bedeutet. Welch langer Leidensweg da hinter mir liegt.

Mir ist ein Stückchen Schneidezahn abgebrochen, da war ich noch Teenager. Von einem der großen oberen. Schlimmer gehts kaum. Es war ein doofes Partyspiel. Und es wäre vermutlich keine große Sache gewesen, wäre ich keine Angstpatientin. Ich hab das nie richtig versorgen lassen. Erst als der Zahn dann richtig kaputt war und eine Wurzelbehandlung nötig. Damals hatte ich plötzlich von jetzt auf gleich irrsinnige Schmerzen. Es war die Hölle. Die Wurzelbehandlung wurde nie richtig zu Ende geführt weil die Ärztin den Zahn nicht durch eine normale Wurzelbehandlung beruhigen konnte. Sie leß ihn offen und empfahl mir eine Wurzelspitzenresektion die ich nie durchführen ließ. Und 2008 brach der Zahn dann letztendlich ab. Das war einer der schlimmsten Tage in meinem Leben. In dem Moment wäre ich am liebsten gestorben. Ohne Witz. Denn ich wusste ich muss jetzt zum Zahnarzt und es führt kein Weg dran vorbei, man SIEHT es auf den ersten Blick, da fehlt was. Dieses Wechselbad der Gefühle aus Scham, Angst und Schuldgefühlen ist schwer nachvollziehbar für Menschen ohne Zahnarztangst.

Leider kam ich damals an einen Zahnarzt, der nicht so gut mit Angstpatienten konnte. Oder allgemein mit Frauen. Das war eher so der Typ frauenfeindliche, abfällige Sprüche. Ekelhafter Kerl. Hatte auch noch so eine altertümliche Praxis mit Holzvertäfelung und dunkler Einrichtung. Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber das alleine löst bei mir schon direkt Magenschmerzen aus. Weil es mich an den bösen Zahnarzt aus meiner Kindheit erinnert.

Nach der Behandlung und Versorgung mit einem Provisorium habe ich erst mal wieder alles rausgezögert. Der Arzt hatte mir eine Krone verweigert, meinte erst müssten ALLE Weisheitszähne raus. Vorher setzt er mir keine Krone. Ich war dann auch bei einer Kieferchirurgiepraxis zum Termin. Dort habe ich auch ganz offen gesagt das ich so schlimme Angst habe und wurde nicht ernst genommen. Ich bat sogar aktiv und eine Vollnarkose. Das hat mich echt Überwindung gekostet, weil es sich wie betteln anfühlte, irgendwie erniedrigend. Aber weder wurde ich aufgeklärt welche Möglichkeiten es da gibt und was das kostet noch, ob es Alternativen gibt. Das wurde direkt abgewiesen mit der „Stellen sie sich nicht so an“-Haltung. Man wollte mir unter örtlicher Betäubung alle vier Zähne auf einmal entfernen und basta. Keine Diskussion, keine Beratung. Hopp, runter vom Stuhl, der nächste wartet schon!

Ich war nie wieder dort. Den OP-Termin habe ich nicht mal abgesagt. Ich bin einfach nicht hingegangen. Und ich weiß noch: An dem Tag des Termins habe ich immer ängstlich das Telefon angeguckt, weil ich dachte gleich ruft die Praxis an und scheißt mich zusammen. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: War besser so das ich nicht dort war! Leider dann auch erst mal bei keinem anderen Zahnarzt.

Die Zeit verging. K1 kam zur Welt. Und wurde groß. Zwischendurch hatte ich aber immer wieder daran gedacht, mir Sorgen gemacht, Nachts schlecht geträumt… Und wann es dann so weit war, das ich den Weg erneut und anders begann, das kann man hier ja im Blog nachlesen. Es sind inzwischen einige Jahre und viele Zahnärzte gewesen. Und ich habe viel über mich und meine Angst gelernt.

Und jetzt bin ich so weit wie nie zuvor.

Die Vorbehandlung

Es war leider schmerzhaft. Ich war über 90 Minuten in Behandlung und das hat mich echt am meisten geschlaucht. Die meiste Zeit hatte ich meine Hände verkrampft ineinander gekrallt über dem Bauch liegen.

Das Abschleifen des Zahnes hat sehr lange gedauert, war aber okay. Was mich am meisten fertig gemacht hat, war der Retraktionsfaden und die vielen Gebissabdrücke. Man hat mir 4 Abdrücke vom Oberkiefer gemacht, einen vom Unterkiefer, dazu noch diverse Abdrücke in Wachs und Silikon für den Aufbiss.

Vor allem der letzte Abdruck war heftig. Der muss länger drin bleiben und geht echt schwer raus. Und wenn man diesen komischen Gummischaum da im Mund hat und dazu noch 4 fremde Finger ist jede Sekunde eine Qual. Zum Schluss musste ich dann doch einmal heftig würgen. Und dann sagte die Ärztin „Der gefällt mir nicht, den machen wir noch mal“ – das war der Moment wo ich kurzfristig dachte „Nein, ich geh jetzt, das kann ich nicht“. Vor allem, weil mir echt übel war und ich vorher nichts gefrühstückt hatte (oder zum Glück?). Der Termin war um 9:30 Uhr, ich musste K2 zum Kindergarten bringen und direkt in die Stadt zum Arzt. Da war keine Zeit für Frühstück. Aber ich habe mich zusammengerissen und irgendwie durchgekämpft.

Ein Retraktionsfaden wird unters Zahnfleisch geschoben, um einen Zwischenraum zu schaffen. Das tat wirklich weh. Aber die Ärztin hat gefragt, ob es geht. Erst habe ich „Ja“ gesagt, aber nach zweimaligem Faden reindrücken meinte ich „Okay, nein, das geht doch nicht.“ Und dann hat sie sofort gestoppt und nachbetäubt.

Hinterher gab es dann noch das Provisorium und als ich schließlich wieder die Praxis verlassen konnte, war ich einfach nur durch. Ich hätte mich am liebsten irgendwo hingesetzt und geheult. Nicht, weil es schlimm weh getan hätte oder so. Es war einfach nur sehr lange und sehr viel für jemanden der Angst hat. Mir war richtig schwindelig.

Ich bin dann ein paar Stationen mit der Straßenbahn gefahren und danach durch die Bremer Wallanlagen zum Bahnhof gelaufen und habe mir vor der Zugfahrt auch noch etwas zu Essen besorgt. Was aber etwas kurz gedacht war. Denn weder am Bahnhof noch im Zug kann man was Essen, wegen der Maske. Ich hab die Maske dann nur kurz runtergezogen, um was zu trinken. Essen ging erst zu Hause in Ruhe. Aber den ganzen Tag haben meine Hände noch gezittert. Und Kopfschmerzen hatte ich.

Der Besuch hat auch ein paar Nachwirkungen. Die Unterlippe tut etwas weh, vermutlich durch das ständige „offenhalten“ und absaugen, Oberlippe und rechte Nasenwurzel ebenso. Das war der Arbeitsbereich, da gabs es die Betäubung. Und das malträtierte Zahnfleisch hat Donnerstag auch ganz schön gepocht, weswegen ich da sehr vorsichtig war mit putzen.

Aber bis zum Wochenende war alles wieder okay. Es ist alles halb so schlimm und annehmbar. Ich bin gespannt auf den Termin mit der Krone. Wie der Zahn aussehen wird. Ob alles passt. Ich hoffe es.

Die Krone ist da!

Der Termin Anfang Juni für die eigentliche Krone war dagegen dermaßen unspektakulär, das war mir schon fast suspekt.

Die Ärztin fragte mich wie es mir geht, zeigte mir die Kiefernachbildung und die Krone, entfernte das Provisorium, setzte mir die Krone mit Stift provisorisch ohne Kleber ein und bat mich an den Spiegel zur Prüfung. Ob mir die Krone gefalle. Tat sie.

Danach wurde Kleber angemischt, erst der Stift und dann die Krone befestigt. Beides tat etwas weh. Druckschmerz. Vermutlich durch die intensive Vorbereitung alles gereizt. Immerhin hat der Restzahn seit 2008 kein Theater mehr gemacht, auch beim Provisorienwechsel nicht, daher war ich mir sicher, dass es nichts Schlimmes ist. Danach war ich fertig. Das war es.

Ich bekam noch die Rechnung und musste bezahlen und dann… nichts mehr. „Wir sind so weit fertig, wir sehen uns im Herbst zur Entfernung des Weisheitszahnes“. Bäm. Wo sind meine Konfettikanonen? Wo das Blasorchester? Die jubelnde Menge?

Ich hab meine Krone. Sie ist dran. Woah!!! Ich kann wieder lächeln und grinsen ohne Angst, ohne mich zu schämen. Ich habe ein schönes Lächeln. Nach 13 Jahren mit einem abgebrochenen Zahn. Kaum jemand kann nachfühlen wie krass das ist. Wie unfassbar surreal.

Danach hatte ich leider noch Aufbiss-Schmerzen, eine ganze Weile lang. Mittlerweile sind diese weg. Ich traue mich aber immer noch nicht richtig zuzubeißen. Von einem Brötchen abzubeißen. 13 Jahre lang hab ich das vermieden, weil ein Provisorium nicht viel aushält und es musste auch zwischendurch einmal neu angeklebt werden. Und vermutlich weil ich einfach Angst habe was kaputt zu machen und vor allem mir diesen lange herbeigesehnten Status wieder kaputt zu machen.

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