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Der unsichtbare Sturm – persönliches Tagebuch zur Coronakrise – Woche #1

Montag, 16. März

Ich habe nun beschlossen hier jeden Tag zu schreiben. Ob ich das lösche, für mich behalte oder veröffentliche wird sich zeigen.

Vor zwei Wochen war alles noch so weit weg, so abwegig. Mal ehrlich, hätte irgendjemand mit dem gerechnet was gerade passiert? Im Januar hätte ich noch gesagt „Ich glaub dein Aluhut sitzt zu fest, der schnürt die Blutzufuhr ab!“ wenn mir jemand erzählt hätte was JETZT passiert.

Letzten Montag hatten wir eine Elternbeiratssitzung in der Schule. Corona war auch Thema. Und wie eine mögliche Schulschließung passiert. Wohlgemerkt nur unsere Schule. Und das war für die meisten abwegig. Eine landesweite Schließung gar undenkbar. Für mich war die Schließung unserer Schule gar nicht sooo abwegig, aber ich habe das für mich behalten weil ich nicht wollte, dass man mich für bekloppt erklärt. Auf diese Kommentare konnte ich verzichten.

Am Dienstag gab es dann die ersten Corona Fälle hier in der Gemeinde. Und da sagte ich dann ganz offen: „Dann ist die Schließung nur eine Frage der Zeit.“ und wurde ausgelacht.

Seit Freitag sind die Schulen nun geschlossen. Und die Kindergärten auch. Beide Kinder sind zuhause. Und kompensieren auf ihre Art das Geschehen. Momentan ist alles sehr stressig. Gerade K2 ist sehr empfindlich, heult bei allem direkt los. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir uns alle auf die neue Situation einpendeln werden.

 

Dienstag, 17. März

Heute waren die Kinder schon besser drauf. Es wurde zwar immer noch gestritten und geheult, aber der Unterschied zu gestern ist extrem deutlich.

Mein Mann hat ab heute Homeoffice und Kurzarbeit 50%. Da fehlen uns mehrere hundert Euro im Monat. Ich hab keine Ahnung wie wir das wuppen sollen. Aber damit stehen wir ja nicht alleine da. Trotzdem… große Sorgen. Magenschmerzen. Eigentlich möchte man heulen. Schluckt es aber runter, weil die Kinder ja da sind.

Der Wirtschaft wird geholfen. Was ist mit den Menschen denen Geld fehlt? Den Menschen die eh wenig Geld haben und nicht hamstern können, die nicht mehr zur Tafel können? Warum gibt es kein zeitlich begrenztes bedingungsloses Coronageld? Es würde so vielen Menschen helfen, Ängste und Sorgen nehmen! Dass Vermieter einem nicht kündigen dürfen wegen Corona halte ich ebenfalls für nicht zu Ende gedacht. Die Miete muss ja nachbezahlt werden, so wird das Problem nur auf die lange Bank geschoben. Wer weiß wie lange diese Krise noch dauert und was sie bringt? Kredite für Selbstständige und Freiberufler halte ich auch nicht für eine superduper tolle Lösung. Sich in der Not verschulden ist eher so als würde man seine Seele an den Teufel verkaufen, weil man gerade keine andere Wahl hat. Für viele bedeutet das vielleicht auf lange Sicht doch die Pleite, weil sie den Kredit gar nicht bedienen können neben dem Lebensunterhalt. Aber was weiß ich schon. Themawechsel!

Unser Hund muss ja trotz allem Gassi. Also bin ich morgens und Abends unterwegs. Es ist gruselig. Niemand auf der Straße, kaum jemand im Garten. Vor allem Abends treffe ich keine Menschenseele. Ich war noch nie so alleine unterwegs wie jetzt.

Es fühlt sich an als würden wir alle auf einen unsichtbaren Sturm warten.

Heute meldete ARD auf ihrer Seite dass die aktuellen Maßnahmen im schlimmsten Fall 2 Jahre dauern könnten. Da wird mir echt schlecht.

Zwei Jahre… Das ist vermutlich einfach das schlimmst-denkbarste Szenario was niemals eintritt. Aber denken wir doch mal es wäre so:

Wie will man denn nach 2 Jahren wieder zurück zum ehemals normalen Alltag finden?

Was tun die Schulen so lange? Und was wären die psychologischen Auswirkungen? Vor allem für alleinstehende Menschen die eh kaum Sozialkontakte haben. Und für meine Tochter, die eigentlich nun im Kindergarten die nötigen sozialen Kompetenzen für eine Einschulung erlangen soll…

Ganz abgesehen natürlich von den wirtschaftlichen. Das wäre das Ende vieler Einzelhändler und Selbstständigen. Es würden so viele Geschäfte sterben. Und Gastronomie wäre auch nicht mehr vorhanden. Ich mag mir das nicht vorstellen.

 

Mittwoch, 18. März

Heute ist Einkaufstag. Wir haben zwar letzte Woche schon bevorratet, aber es fehlt noch einiges. Nein, wir hamstern nicht. Aber mein Mann gehört zur Risikogruppe. Und da ich keinen Führerschein habe, kann ich Wocheneinkäufe nicht alleine bewältigen. Also kaufen wir (sinnvolle!) Vorräte damit er möglichst wenig unter Leute muss.

Wir fahren zu Metro. Da waren wir die letzte Woche auch und hatten gute Erfahrungen gemacht. Dort war noch alles vorhanden, während überall anders schon leere Regale die Regel waren.

Leider sollte uns ein regelrechter Schock bevorstehen. Es ist leer. Vieles. Ich hätte mit allem gerechnet, aber damit nicht:

Der Klopapier-Gang war leer gefegt. Komplett. Kein Schnipsel, keine Palette. Und Metro hat eigentlich tonnenweise Toilettenpapier! Ebenso war die Brot-Abteilung fast leer. So leer war die noch NIE. Niemals. Es gab fast kein Toastbrot mehr, viele Brotsorten waren nicht mehr vorhanden, nur noch unbeliebte Sorten und davon auch nur geringe Mengen.

Nutella/Marmelade wies empfindlich große Lücken auf. Die Tiefkühltruhen waren teilweise fast leer. Beim Fisch war z.B. vieles weg, beim gefrorenen Obst nur noch wenige Packungen/Säcke da. Es gab keine Milch und keine Sahne mehr. Und für Metro heißt das echt was! Da steht das Zeug massenweise! Es gab nur noch eine Eigenmarke H-Milch und H-Sahne.

Und das Nudelregal war auch fast komplett leer bis auf wenige Ausnahmen. Beim Mehl war nichts mehr da. Nur noch total unbeliebte Mehlsorten wie Dinkelmehl. Auch keine großen Säcke mehr. Alles weg.

Mit jedem leeren Regal wurde mir schlechter. Ich fühlte mich ganz taub. Die Aussage: „Es kann sein dass nicht alle Produkte direkt wieder verfügbar sind“ ist da leicht untertrieben.

 

Donnerstag, 19. März

Heute Nacht lag ich ab 2 Uhr wach. Ich hatte eine richtige Panikattacke. Ich hatte das Gefühl meine Brust ist zu eng, ich bekomme nicht richtig Luft. Ich war unruhig, meine Gedanken im schlimmsten Angst-Karussell.

Ich habe wahnsinnige Angst vor dem was kommt. Um meine Familie, meine Kinder. Nicht unbedingt vor dem Virus, sondern vor den Folgen die es mit sich bringt!

Ich konnte mich bisher auf mein Bauchgefühl immer sehr gut verlassen. Ich war echt entspannt, aber seit Anfang letzter Woche, also noch vor allen Maßnahmen, habe ich ein sehr ungutes Gefühl dass das ganze schlecht ausgeht für uns. Und das macht mir am meisten Angst.

Die Kinder verstehen sich mal mehr, mal weniger gut.

Ich hab heute die Gelegenheit genutzt und den Xbox Game Pass Ultimate für 1€ abonniert (gut das ich das Angebot noch nicht genutzt habe). Und dann haben der Sohn und ich zwei Stunden Human Fall Flat gespielt.

 

Freitag, 20. März

Es nervt mich! Seit Tagen schreien die Leute nach einer Ausgangssperre. Ich verstehe das. Es gibt so viele denen das ganze am Arsch vorbeigeht. Die sich trotzdem noch verabreden und am See oder im Park, im Café mit Freunden treffen und so tun als wäre alles Tutti. Jugendliche die Corona-Partys feiern und sich einen Spaß daraus machen alten Leuten ins Gesicht zu husten… (Hallo? Was stimmt mit euch eigentlich nicht?!) Wo sind denn da bitte die Eltern? Ist denen scheißegal was ihre Kinder machen? Wieso dürfen die eigentlich alleine raus?

In der lokalen Facebookgruppe gibt es seit Tagen eigentlich nur ein Thema: Sich beschweren. Es wird sich im Internet lauthals beschwert wann wo Leute zusammen waren, wo wer ein Sperrband vom Spielplatz abgerissen hat und das Verbot ignoriert hat.

Keiner davon hat offenbar den Arsch in der Hose die Menschen (natürlich mit gebührendem Abstand!) direkt anzusprechen. Das wäre richtig gewesen. Das wäre solidarisch mit all denen, die sich an die Maßnahmen halten. Und es wäre gut die Leute auf ihr Fehlverhalten anzusprechen! Ihnen zu zeigen dass man es nicht in Ordnung findet. Aber lieber kotzt man sich im Netz aus, schaut aber real weg. Wie sonst auch. Es kotzt mich so an -.-

Das Problem ist: Es kippt langsam. Die Leute im Netz teilen sich gerade auf in militante Kellerverschanzer, die jedem ankreiden draußen unterwegs zu sein und den „Alles unnötige Panik“-Verleugnern die das alles für Quatsch halten. Ein gesundes Mittelmaß ist nicht mehr vorhanden.

Für die Tatsache, dass wir als Familie mit dem Hund draußen laufen, würden mich einige vermutlich am liebsten öffentlich auf dem Marktplatz steinigen. Wie schlimm! Was sollte ich mich doch schämen.

Wir sind alleine unterwegs, wir treffen uns nicht mit anderen und gehen nicht unter Menschen, sondern raus in die Natur mit dem Hund Gassi! Wen gefährden wir denn jetzt bitte dadurch? Wir fassen nichts an und halten Abstand falls wir doch anderen menschlichen Wesen begegnen sollten – was eigentlich gar nicht passiert, ich schrieb ja schon, dass ich vor allem Abends total alleine bin. Ich treffe ja kaum noch andere Hundebesitzer (gut, über diesen Umstand bin ich eher froh, als traurig). Überhaupt hat sich unser Verhalten sehr schnell verändert zu „Iiiih, andere Menschen, bleibt mir bloß weg!“ – ich bin da selbst echt erstaunt.

Wir werden das Familienspazieren auch weiterhin tun, so lange wir noch die Möglichkeit dazu haben! Es hilft uns nicht durchzudrehen. Diese Situation ist eine enorme psychische Belastung für alle. Für die einen mehr, die anderen weniger. Aber es soll mal keiner so tun, als ginge ihm das nicht an die Nieren – das ist dann Verdrängung, und eins kann ich euch sagen: Das kommt irgendwann mit voller Wucht zurück. Ich hab da so meine Erfahrungen. Glaubt bloß nicht dass das auf Dauer verdrängbar ist.

Der Sohn ist besonders traurig, er vermisst seine Freunde. Für ihn ist es besonders schwer das eine seiner Freundinnen und Klassenkameradin direkt gegenüber wohnt. Er müsste nur über die Straße gehen und klingeln. Und darf es nicht. Er würde sich so gerne verabreden. Und es geht nicht. Also laufen wir gemeinsam mit dem Hund, unterhalten uns über Blumen, Vögel.. Was wir so sehen. Damit er eben nicht die ganze Zeit in der Bude hockt und den könnte-Gedanken wälzt und die Tatsache vor Augen hat, dass er sehr lange keinen Kontakt zu Freunden haben wird.

Wir halten uns daran die sozialen Kontakte einzuschränken, wir feiern keine Geburtstagsparty, obwohl er am 10. März Geburtstag hatte! Ich erlaube ihm nicht heimlich Freunde/innen einzuladen! Ich lasse die Kinder nicht heimlich treffen oder gehe auf den Spielplatz obwohl es verboten ist. Aber ich soll mich dafür schämen, dass wir uns nicht drinnen einschließen! Die Leute drehen echt am Rad, das ist unverhältnismäßig. Es ist kein Atomkraftwerk explodiert, oder? Wieso soll es also so schlimm sein draußen ALLEINE ohne Kontakt zu anderen Menschen spazieren zu gehen?

Dr. Drosten hat in seinem Podcast mehrfach betont dass man an die frische Luft soll. Dass es gesund ist. Man soll sich halt nur nicht in Menschenmengen begeben und Ansammlungen vermeiden, sondern Abstand halten. Gegen alleine spazieren und in den Wald gehen spricht nichts.

Es ist nur eine Frage der Zeit bis diese Möglichkeit weg bricht, weil andere fröhlich in Cafés sitzen und sich gemeinsam am See treffen, oder die Sperrbänder am Spielplatz abreißen und so tun als wäre nichts. Das kotzt mich gewaltig an. Genauso wie die ganzen Tastaturkrieger die kein anderes Thema haben als sich im Netz zu beschweren und das Maul aufzureißen, aber keinen Mut, die Leute direkt auf ihre Fehler anzusprechen. Ihr seid Feiglinge!

 

Samstag, 21. März

Kaum zu glauben das der Sohn vor 10 Tagen Geburtstag hatte und alles noch fast normal war. Wie schnell das sich wandelt.

Heute habe ich Autofahrer gesehen die mit einem irren Tempo durch den Ortskern gebrettert sind. Offenbar denken sie, sie können sich das jetzt erlauben da ja nicht mehr viele unterwegs sind.

Ist natürlich ein supergeniales Konzept. Vor allem wenn dann ein Unfall passiert und die Egoisten Intensivbetten belegen 🙄

 

Sonntag, 22. März

Ich kann es nicht mehr hören. Dieses ständige Geschrei und Betteln nach einer Ausgangssperre. HABT IHR EIGENTLICH IN DIESER SCHEISS ZEIT NICHTS BESSERES ZU TUN???

Plötzlich haben wir ganz viele Experten im Social Media. Und die sind alles gleichzeitig: Epidemologen, Virologen, Psychologen und Politiker! Das ist echt der helle Wahnsinn.

Es nervt mich so sehr. Jetzt, da Frau Merkel ja das Kontaktverbot bzw. die Ausgangsbeschränkung verkündet hat, ist hoffentlich endlich mal Ruhe. Sollen sie sich doch mal einem anderen Thema widmen als ihrer Vernunftpanik und dem ständigen empören.

Aber vermutlich treiben sie ganz schnell was neues auf. Ist ja auch so langweilig zuhause. Und was macht mehr Spaß als sich über andere zu erheben um sich selbst besser zu fühlen?

Ja ja, es geht um Menschenleben. Das könnt ihr euch ja ruhig einreden das es darum ging bei dem ganzen Thema.

Und nur um das klar zu stellen: Ich betreibe hier auch Social Distancing und befürworte die Maßnahmen, ich feier keine Corona-Partys oder „lasse mir meine Freiheit nicht nehmen“. Aber dass sich jetzt Leute als Blockwarte aufspielen (aber natürlich nur im Netz, im RL kriegen sie den Mund nicht auf!), das geht mir echt gegen den Strich. Vor allem weil sie es teilweise echt so krass auf die Spitze treiben, dass andere Leute sich nicht mehr überwinden können an der frischen Luft alleine spazieren zu gehen.

Ich kann auch dieses ständige gemutmaße nicht mehr ab. Ich bekomme davon Bauschmerzen. Vieles ist ungewiss. Vieles unsicher. Da hilft spekulieren und dramatisieren gar nichts, außer dass man es vielleicht noch schlimmer macht, psychisch gesehen. Gesund ist das ganz sicher nicht, dafür muss ich keine Psychologin sein, das sagt mir mein Gemütszustand schon.

Ich habe mir nun vorgenommen von Tag zu Tag zu nehmen was kommt. Ich kann es ja eh nicht ändern – nur das beste daraus machen.

Und das ist sicher besser als jeden Tag stundenlang ängstlich zu überlegen und sich den Kopf zu zerbrechen was am nächsten Tag sein könnte.

 

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