Als Mutter fühle ich mich im Stich gelassen! – Ein offener Brief an Hermann Gröhe

Sehr geehrter Herr Gröhe,

die neuste Entwicklung bezüglich Hebammen und Wochenbettambulanz (alleine das Wort!) veranlasst mich dazu, diesen Brief ganz offen in meinem Blog zu schreiben. Damit ihn jeder lesen kann.

Herr Gröhe, ich fühle mich von Ihnen im Stich gelassen. Ich bin maßlos enttäuscht von Ihnen und denke, Sie interessieren sich für (werdende) Mütter so ganz und gar nicht.
Ich weiß, dass Sie Geburtsstationen besucht haben, mit Hebammen redeten. Aber haben Sie richtig zugehört? Haben Sie sich mit normalen Frauen, mit Müttern, mit Schwangeren unterhalten und auch zugehört?

Situation Hebammenbetreuung in der Schwangerschaft und Wochenbett

Was seit Jahren bezüglich der Hebammenbetreuung geschieht, ist einfach nur schrecklich.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Frauen keine Hebamme finden, obwohl sie sich schon direkt nach Feststellung der Schwangerschaft um eine Hebamme bemühen? Und sei es nur für die Wochenbettbetreuung und gar nicht mal für die Schwangerschaft. Da hängt man sich stundenlang ans Telefon, schreibt Emails und bekommt doch nur Absagen mit „Tut mir Leid, ich bin schon voll“. Es sind viele Frauen denen es so geht. Und es werden immer mehr.

Und anstatt etwas dagegen zu tun, anstatt dass Sie sich bemühen, dass die Hebammen wieder eine vernünftige Arbeitsgrundlage haben, dass es wieder mehr Hebammen gibt.  Da kommen Sie und die GKV mit einer WOCHENBETTAMBULANZ um die Ecke?!

Liebe Herr Gröhe, soll das ein schlechter Scherz sein?

Wochenbett. Wissen Sie, was das heißt? WochenBETT! Da bleibt man liegen, da verlässt man, wenn möglich, nicht das Haus. Man kommt erst mal an, gewöhnt sich mit dem neuen Menschen ein, den man da im Arm hat. Bekommt eine Routine beim Stillen. Da muss sich vieles erst einmal finden. Gerade das Thema Stillen ist sehr empfindlich in der ersten Zeit. Und da setzt Frau sich nicht in eine Ambulanz!

Vor allem, Herr Gröhe, tut man das nicht, wenn es einem dann obendrein noch schlecht geht.  Hmm.. wie drücke ich mich jetzt am besten aus, ohne konkret zu werden? Hatten Sie schon mal „untenrum“ Wehwehchen? So dass das Sitzen unangenehm war? Das multiplizieren Sie dann bitte mal mit 10. So fühlen sich Geburtsverletzungen an. Mindestens. Ist unterschiedlich. Je nachdem ob Dammriss, Scheidenriss, Abschürfungen etc.

Es ist auf jeden Fall schon unangenehm, wenn alles gut verheilt. Es ist aber deutlich unangenehmer, wenn nicht alles gut läuft und sich etwas entzündet oder gereizt ist. Was durchaus vorkommt. Ganz zu schwiegen von einem Milchstau oder einer Brustentzündung. Wenn man Schmerzen und Fieber hat. Da gehört man ins Bett, da braucht man Ruhe. Fragen Sie mal eine Laktationsberaterin.

Damit will man nicht stundenlang irgendwo in einer Ambulanz sitzen, zu der man ja auch erst einmal hinkommen muss. Schon gar nicht mit einem Neugeborenen und Wochenbettfluss. Und obendrein will man sich dann lieber mit der einen Hebamme unterhalten, die man kennt, die einen sowieso betreut. Und nicht in einer Ambulanz an jemanden geraten, der einem fremd ist, mit dem man auch vielleicht nicht ganz klar kommt. Denn, Sie wissen das vielleicht nicht, aber nicht alle Menschen sind auf derselben Wellenlänge. Und auch zwischen Hebammen und Müttern ist das eben manchmal auch so, dass man sich nicht grün ist. Ist ja auch nicht schlimm. Eigentlich. Es gibt für jede Frau die richtige Hebamme.

Naja.. gab es jedenfalls mal. Inzwischen lautet das Prinzip ja „Nimm, was du kriegen kannst oder bleib halt alleine“.

Herr Gröhe, was wollen Sie konkret tun, damit diese Situation wieder besser wird? Wieso sollte ich am 24. September meine Kreuzchen bei der CDU machen? Setzt die sich für mich als Mutter ein?

Allerdings sind das ja nicht die einzigen Probleme. Das Thema Geburt hat ja noch weitere.

Situation Geburt und Kreißsaal

Herr Gröhe, ich habe zwei Kinder. Mein Sohn wurde im März 2011 geboren. Und damals war die Situation schon angespannt. Damals waren schon weniger Hebammen da, die Kreißsäle gut voll.
Mir ist klar, dass Sie erst 2013 Gesundheitsminister wurden und davor nicht verantwortlich waren. Aber Sie haben seit 2013 nichts besser gemacht. Eher schlimmer.

In der Zwischenzeit wurden so viele Kreißsäle geschlossen. So viele Hebammen fielen ersatzlos weg.
Mehr schwangere Frauen, weniger Kreißsäle und weniger Hebammen. Wie geht diese Rechnung bitte auf?

Die Kreißsäle sind überfüllt. Immer mehr schwangere Frauen werden abgewiesen.
Lesen Sie die Zeitungsberichte? Zum Beispiel von der Frau, die ihr Kind im Auto, auf dem Weg zum zweiten Krankenhaus bekam, nachdem Sie im ersten Krankenhaus weggeschickt wurde?
Das ist der Horror schlechthin für alle schwangeren Frauen und wahrscheinlich auch für sämtliche werdenden Väter!
Falls Sie jetzt denken: „Einzelschicksale!“ – kommen Sie mir bloß nicht damit. Die sollte es nicht geben. Nicht so!

Geburt muss wirtschaftlich sein. Kreißsaalstationen dürfen nicht Minus machen. Wieso eigentlich? Reicht es nicht, wenn das ganze Krankenhaus insgesamt Plus macht? Sind Geburten nicht gesellschaftlich und sozial wertvoller als Geld und Einnahmen?

Meine Tochter wurde im Januar diesen Jahres geboren. Und ich kann Ihnen sagen, dass meine erste und fast einzige Sorge der Geburt galt, als ich erfuhr, dass ich schwanger war. Die ganze Zeit war dies die große Sorge, die meine ganze Schwangerschaft überschattete. Das, worum sich oft meine Gedanken drehten.

Ich bekam nebenbei erwähnt auch keinen Geburtsvorbereitungskurs. Weil es einfach zu wenige Hebammen gibt, die diese anbieten können, für die Menge an schwangeren Frauen. Dabei habe ich mich früher darum gekümmert als damals bei meinem Sohn.

Die Geburt war zum Glück entspannt. Aber auch nur, weil ich nicht das nächste Krankenhaus (Links der Weser) wählte, sondern das weiter entfernte Diako Bremen, dass nicht zur GENO gehört, keine angeschlossene Kinderklinik hat und deshalb oft von Schwangeren nicht gewählt wird. Der weitere Weg war ein Risiko. Aber dies habe ich lieber auf mich genommen, als eine Geburt am Fließband, die eventuell aufgrund fehlender Kapazitäten im Kaiserschnitt geendet hätte, weil man nicht länger warten wollte/konnte.

Stress, Sorgen, Zeit – das sind Dinge über die man sich unter der Geburt keine Gedanken machen sollte. Sie sind Gift für das Vorankommen der Geburt. Und wenn die Hebamme zwischen zwei oder mehr Kreißsälen springen muss, weil es für die ganze Station mit 4-6 voll belegten Kreißsälen nur zwei Hebammen gibt, meinen Sie, dass dies nicht ein sehr großer Stressfaktor ist? Für Mutter, Kind und Hebamme? Entspannung geht jedenfalls anders.

Das sind Gedanken die sich Schwangere machen. Das sind Sorgen die schwangere Frauen haben!

Wenn man mal zurückblickt über die letzten 10-15 Jahre und wie es sich mit den Hebammen und Kreißsälen bis heute entwickelt hat. Sagen Sie mir Herr Gröhe, finden Sie das Ergebnis befriedigend? Sind Sie mit dieser Entwicklung zufrieden? Seien Sie bitte ehrlich!

Ich kann Ihnen sagen: Wir Mütter, wir sind es nicht! Und die Hebammen sicher auch nicht.

 

Viele Fragen

Herr Gröhe, wissen Sie eigentlich, dass Ihnen als Gesundheitsminister eine ganz besondere Aufgabe obliegt?  Sie sind nämlich noch vor der Familienministerin für all unsere Kinder verantwortlich. Für all die, die gerade in den Leibern ihrer Mütter wachsen, für die, die gerade geboren werden und für all die jungen Leben in diesem Land. Für ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen. Und vor allem auch für das ihrer Mütter! Und ich habe das Gefühl, dass Sie sich dafür nicht wirklich einsetzen.

Sie haben selbst vier Kinder. Waren Sie bei diesen Kindern bei der Geburt dabei? Hat es Sie interessiert, wie es ihrer Frau danach ging? Fühlten Sie und ihre Familie sich gut versorgt nach den Geburten? Oder haben Sie sich in ihre Arbeit geflüchtet und sich gesagt „Kinderkriegen ist ja Frauensache“?

Ich vermute aufgrund ihrer Haltung und ihrer Taten in den letzten Jahren, dass letzteres der Fall ist. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Sie es Müttern immer schwerer machen, sorgenfrei zu gebären und die Wochenbettzeit zu gestalten. Und natürlich auch den Hebammen ihre Arbeit immer schwerer machen, anstatt sie Ihnen zu erleichtern.

Falls Sie nun entgegen meiner Erwartung sagen „Doch, ich war dabei und es war alles super, wir wurden gut betreut“ – dann frage ich mich, wieso Sie die Versorgung, die Sie vor über 16 Jahren und mehr erhalten haben, und die sie gut fanden, nicht aufrecht erhalten sondern zerstören?

Die Hebammenversorgung ist eine wichtige und gute Errungenschaft gewesen. Wieso machen Sie diese kaputt? Wieso tun Sie nicht etwas für die Bürgerinnen und Babys dieses Landes, sondern dagegen?
Nun Herr Gröhe, ich bin auf ihre Antwort gespannt.

Mit freundlichen Grüßen!

P.S. liebe Schwangeren, liebe Mütter, liebe Männer, liebe Väter – ihr seid herzlichst eingeladen dies zu teilen, zu kommentieren und laut zu werden!

31 Jahre alt, 2 Kinder (2011 und 2017), verheiratet seit 2008.

Internetaffine Serienjunkie, Bücherwurm und Hörbuchfan, Gamerin, backt und kocht gerne, hängt an der (Strick-/Häkel-)Nadel und hat einen Hang zur Wollsucht.

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