Erste Schritte in die Selbstständigkeit – Allein zuhause

Der Butscher ist inzwischen 6 Jahre alt. Ein ganz schönes Alter schon. Erinnert ihr euch noch was ihr damals schon alles durftet?

Es ist das Alter in dem man zur Schule kommt. Selbstständiger wird. Es wird langsam Zeit etwas loszulassen. Ich durfte in dem Alter schon alleine zum Bäcker. Und natürlich zu meinen Freunden eine Straße weiter. Der Bäcker war direkt um die Ecke.

Das geht hier leider nicht. Denn es gibt einen Bäcker in der Nähe. Aber da würde ich nicht mal meinen ärgsten Feind hin schicken zum Brötchen holen. Zur Tanke darf er nicht. Die liegt nicht mehr hier im Wohngebiet, da müsste er ohne jegliche Ampel oder Zebrastreifen eine große Straße überqueren. Und im Gegensatz zu meinem Elternhaus, dass abseits jeglichen Verkehrs in einem reinen Wohngebiet ohne Durchgangsverkehr lag, wohnen wir hier fast direkt an einer großen Hauptverkehrsstraße wo öfter auch mal „nette“ Motorradfahrer ihre guten Manieren vergessen sowie die Tatsache, dass hier eine Schule und ein Kindergarten direkt an selbiger Straße sind. Da wird mit 120km/h durch die 50er Zone gebrettert. Daher: Zur Tanke nur mit Begleitung. Noch. Davon werde ich auch erst abrücken wenn ich das Gefühl habe dass es klappt und er nicht unterm Auto oder Motorrad landet.

Alleine bleiben

Ein großer Schritt in Richtung Selbstständigkeit ist bei uns, dass der Butscher mittlerweile nicht mehr überall mit uns hin muss. Fast 6 Jahre lang musste er überall mit hin. Zum Einkaufen, zu den langweiligsten Terminen, zum Dönerladen, zur Apotheke. Die einzige Ausnahme war vorher schon: Wenn ich mit dem Hund Gassi war und er keine Lust hatte mit zu gehen. Da befand ich mich ja immer in direkter Umgebung und war maximal 25 Minuten weg. Weil ich nie große Runden ging wenn ich das Kind alleine zuhause wusste.

Das ist jetzt nicht mehr so. Wenn er möchte darf er auch sonst öfter mal zuhause bleiben. Das beschränkt sich aber auf den Wohnort und eine Zeit von maximal zwei Stunden. In die Stadt oder im größeren Umkreis, wo wir nicht innerhalb weniger Minuten zuhause sein können, muss er noch mit. Auch wenn ihm das nicht immer gefällt.

Aber wenn wir bei uns im Ort einkaufen gehen müssen, die Nordbabydame zum Kinderarzt muss oder ähnliches – dann darf er zuhause bleiben.

Aber nur mit Regeln

Natürlich geht dies nicht ohne Regeln!

Die sehen wie folgt aus:

  1. es wird nicht geklettert. Egal um was es geht. Unerreichbares Spielzeug, entdeckte Süßigkeiten, Stifte im oberen Regal – es wird nicht geklettert! Wenn etwas in unerreichbarer Höhe liegt, muss er warten bis wir wieder da sind.
  2. Finger weg vom Herd und ähnlichen Dingen! Wenn er Hunger bekommt, kann er Brot, Obst oder Jogurt essen.
  3. Wenn es klingelt darf er nicht auf machen. Er soll es ignorieren. Der Postbote weiß wo die Pakete hingehören wenn keiner aufmacht. Und alle anderen sollen halt ein anders Mal wieder kommen
  4. Er darf nicht raus zum spielen. Haus verlassen nur in Notfällen. Und dann gegenüber zum Nachbarn laufen.
  5. Falls doch Kontakt vorkommt: Fremden gegenüber nicht erwähnen dass er alleine zuhause ist. Mama ist im Keller und macht Wäsche o.ä.
  6. Wenn irgendetwas ist, ruft er uns an!

Für die letzte Regel hängt auf seiner Augenhöhe am Kühlschrank ein Zettel. Darauf stehen die Notrufnummern der Feuerwehr und Polizei sowie die Handynummern von mir und Herr Nord.

Telefonieren hat er geübt und auch schon mehrmals selbstständig gemacht. Nicht weil etwas war und wir heim kommen mussten (das kam tatsächlich noch nie vor) – sondern weil er z.B. seinen Papa vermisste als der auf Geschäftsreise war. Da hat er sich das Telefon geschnappt und ihn einfach mal angerufen

Das Alleinebleiben klappt sehr gut und wir haben ihn dafür auch schon sehr gelobt. Er hält sich an die Regeln. Er macht kein Chaos und verhält sich anständig, ruhig, beschäftigt sich ohne Dummheiten zu machen. Und ich denke: Richtige Entscheidung! Auch wenn ich beim ersten Mal sehr unsicher war – irgendwann muss man auch mal etwas wagen und seinem Kind etwas zutrauen.

Mit diesem Vorgehen sind wir unter den Bekannten und KiGa-Freunden die ebenfalls inzwischen 6 Jahre alt sind und mit ihm zur Schule kommen offenbar die Exoten. Wenn wir beim einkaufen Kinder nebst Eltern aus seiner Gruppe treffen ist die erste Frage „Wo ist denn der Butscher?“ –  Antwort: „Zuhause“

Die nächste Frage ist dann jedes mal „Mit seiner Oma?“ – Antwort: „Nein, er ist alleine zuhause“

Stille. Blick zum eigenen Kind. Und man sieht jedes Mal direkt wie im Kopf die Rädchen rattern. Mit der Frage „Könnte ich das mit meinem Kind auch machen?“

Ich finde: Ja sollte man können. Nicht unbegrenzt. Siehe oben. Aber ich sehe es im Allgemeinen so: Klar habe ich Kinder bekommen weil ich diese wollte. Die sind aber nicht dazu da meinen Willen und meine innere Glucke zu befriedigen. Sondern es ist meine Aufgabe als Elternteil, sie zu selbstständigen, selbstsicheren Menschen zu erziehen die ich irgendwann reinen Gewissens in die Welt entlassen kann, in dem Bewusstsein dass sie alleine klar kommen, gute Entscheidungen treffen und nicht irgendwann twittern dass sie zwar Gedichte in vier Sprachen analysieren können aber nicht wissen wie das mit der Miete läuft.

Und das fängt halt früh an. Auch wenn ich, wie schon öfter erwähnt, gar nicht glauben kann dass mein Kind schon so groß ist. Er ist es. Und er zeigt mir dass er den Aufgaben gewachsen ist die man ihm zutraut. Oder eher sogar dass ich mir viel zu viele Gedanken mache.

Es ist nicht einfach – das Loslassen

Die Sache mit dem loslassen ist gar nicht so einfach. Wieso sagt einem das eigentlich vorher niemand? Wieso haben unsere Eltern uns das nie gesagt?

Wieso hat mir keiner gesagt dass ich im Gedankenkarussel gefangen sein werde, wenn das Kind zum ersten Mal fremd betreut wird? Wieso hat mir niemand gesagt dass man tausend Tode stirbt und sich die schlimmsten Sachen ausmalt wenn das Kind zum ersten Mal ohne Eltern auf einem Ausflug ist? Und wieso hat mir keiner gesagt dass es unheimlich schwer ist, die Kontrolle aufzugeben die man über dieersten  Jahre, als das Kind Baby und Kleinkind war, so sehr gewöhnt war?

Aber andererseits, hätten wir zugehört? Hätten wir es ihnen geglaubt`Wahrscheinlich hätten wir sie ausgelacht. Es gehört wohl dazu. Man versteht das erst wenn man selber Eltern ist. Wenn man da so sitzt, zuhause, alleine, und sich solche Gedanken macht, dann denkt man automatisch an seine Eltern. Und fragt sich wie die das damals gemacht haben. Wie sie empfunden haben. Ob sie das selbe dachten? Das selbe fühlten?

 

Wie ist das bei euch? Dürfen eure Kinder alleine zuhause bleiben? Dürfen sie andere Dinge machen? Ich würde es wahnsinnig gerne erfahren. Schreibt mir doch einen Kommentar!

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